Liebe & Frieden

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Wir sind wieder da. Wie so oft in letzter Zeit. Trotzdem ist es heute anders. Ganz anders.

Später. Das Wuseln ist vorbei und das Hell fast zu Ende. Sonst sind wir immer im Hellen gekommen, wenn es heiß war und laut und geschäftig. Heute nicht. Heute ist es ruhig in allen Räumen. Die Stühle, wo normalerweise Die Anderen sitzen, Katzen, Hunde, Vögel und viele mehr, sind jetzt leer. Der Hohe Tisch, wo normalerweise Die Frauen sitzen, auf Dem Brett klappern, in Den Stab sprechen oder mit Den Anderen, ist jetzt leer. Alles ist leer und sauber. Es ist still. Friedlich.

Wir sind heute in einem anderen Zimmer. Auf dem Boden liegt eine Decke, die ist weich und warm und riecht nach Frisch. Alles andere kann ich heute fast gar nicht riechen. Die Decke legt sich über alles und versteckt es. Die Anderen, Tiere, Futter oder das Nass auf den Händen Der Frauen, das in der Nase brennt und auf meiner Haut ganz kalt ist – das ist alles ganz weit weg. Nur ganz schwach unter dem Geruch von Sicher. Von Ruhe. Frieden.

Ich bin ganz ruhig.

Sie sitzen heute nicht auf Stühlen um den Tisch – es gibt keine Stühle. Sie sitzen auf einem großen, dunklen Weich an der Wand, nahe beieinander und sprechen leise miteinander. Heute sind sie alle mitgekommen. Sonst waren wir meistens nur zu zweit hier, Sie und ich. Meistens, wenn Er und Die Kleinen gegangen waren, vor dem Mit-Hell oder danach. Heute sind sie alle da. Sie sitzt neben Ihm auf dem Weich, die beiden Kleinen auf ihren Knien. Alle schauen auf die Frau In Weiß.

Die Frau In Weiß ist heute nicht weiß – heute ist sie wie die Zweite Frau neben ihr. In letzter Zeit waren es meistens die beiden, die sich um uns gekümmert haben und ich kenne sie gut. Die Zweite Frau mit ihrer warmen, ruhigen Stimme und den weichen Händen – sie ist ruhig und sanft und wenn sie mich hält, muss ich nie Angst vor dem Stich haben oder dem Leuchten oder was die Frau In Weiß sonst gemacht hat. Ich kenne die beiden, seit ich ganz klein war und das ist lange her. Das war noch vor Den Kleinen.

Die Frau In Weiß spricht sanft und leise. Heute redet sie die meiste Zeit. Die letzten Male hat die Frau In Weiß viel zugehört und Sie sehr viel gesprochen. Heute ist es anders. Die Frau in Weiß legt Ihr die Hand auf den Arm und schaut Ihr und Ihm in die Augen und auch Den Kleinen. Sie nickt oft, Er bewegt sich kaum. Die Kleinen haben ganz große Augen.

Die Frau In Weiß schaut mich an und ich hebe den Kopf. Ich lächle, aber das fällt mir schwer. Alles tut weh. Jede Bewegung. Mein Rücken, mein Hals, meine Beine und mein Kopf. Es beißt und sticht und reißt und in meinem Bauch drückt es und pocht. Alles ist schwer geworden und geht nicht mehr weg.

Ich kann nicht mehr jeden Morgen aus dem Haus rennen ins Grün. Ich kann nicht mehr laufen und nicht mehr lange in den Wald gehen. Ich kann nicht mehr auf den Wiesen Schmetterlinge jagen und mit meinen Freunden Fangen spielen. Ich kann nicht mehr schnell aufstehen. Ich kann mich nicht mehr hinlegen, ohne dass es beißt und sticht und reißt. Das alles würde ich so gern, aber ich kann es nicht mehr. Es ist nicht mehr so, wie es früher war. Alles ist so schwer geworden.

Es ging über eine lange Zeit. Langsam. Aber heute ist es so.

Jetzt bin ich sehr müde.

Es ist Zeit, zu schlafen. Schlafen wäre schön.

Die Frau In Weiß spricht wieder mit Ihr. Sie drückt Den Kleinen an sich und nickt schnell. Sie sagt nichts, atmet schwer. Ihre Augen sind nass und ihre Nase auch. Er legt den Arm um sie und auch Die Kleinen haben Wasser in den Augen. Wie so oft heute. Wie so oft in letzter Zeit.

Immer wenn sie das Wasser in den Augen hatten, bin ich zu ihnen gekommen. Ich war für sie da, bis es ihnen nicht mehr weh getan hat. Heute muss ich nicht aufstehen. Heute kommen sie zu mir.

Sie sind alle da und sprechen mit mir. Berühren mich, halten mich fest. Das Wasser tropft aus ihren Augen auf mich, aber das kenne ich. Dafür bin ich hier. Sie sind alle da und das ist gut. Ich habe keine Angst. Ich bin sicher. Ich kann ganz ruhig sein.

Wir sind alle zusammen.

Die Zweite Frau sitzt auch bei mir. Sie redet leise mit mir und hält mich fest und das ist gut. Sie hilft der Frau In Weiß. Der Kleine Stab surrt heute lauter als sonst, weil die Welt heute leise ist. Aber ich kenne es und die Zweite Frau hält mich. Kurz ist es kalt auf meiner Haut, dann kommt der Stich. Ich kenne das. Sie wissen, was sie tun.

Das Kalt ist nicht mehr nur auf meiner Haut. Irgendwie kriecht es darunter, langsam, und breitet sich aus. Ich kenne das. Die Frau In Weiß macht das, damit es mir besser geht. Sie hilft mir.

Plötzlich werde ich müde.

Sehr müde.

Schlafen. Schlafen wäre schön.

Es kriecht über mich wie eine Decke, durch mich, warm und weich und dunkel. Das Müde. Das Schlafen. Meine Augen fallen zu.

Sie sind bei mir. Ich spüre sie bei, höre ihre Stimmen und rieche sie und das ist gut. Sie halten mich. Ich habe keine Angst. Das Wasser fällt auf mich, aber ich bin ja da. Sie sind traurig und ich weiß nicht, warum. Aber ich weiß, dass es nicht meine Schuld ist. Ich habe nichts falsch gemacht.

Wir sind zusammen und das ist gut.

Ihr Gesicht berührt feucht meine Stirn, Seine Hand liegt warm auf meiner Seite, Die Kleinen drücken sich an mich und halten mich.

Liebe. Wir wissen es und das ist gut.

Irgendwo geht ein Fenster auf.

Es tut nicht mehr weh.

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