Ihr bester Freund

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Stellen Sie sich vor, Ihr bester Freund wäre gestorben.

Er war für Sie da. Immer, seit Sie denken können.
Er stand Ihnen näher, als alle anderen Freunde. Oft sogar näher, als Ihre eigene Familie. Er hat Sie begleitet, seit Sie Kinder waren.
Er kannte Sie, wie niemand sonst.
Er hätte alles für Sie getan.

Er hat Sie gehört, wenn Sie schreien mussten und die Türen knallen, weil die biestige Kollegin Ihnen wieder einmal das Leben zur Hölle machte.
Er hat Sie besänftigt mit seinem ruhigen Blick und seinen großen Augen, ohne ein einziges Wort, wenn Sie die Enttäuschung ertragen mussten und die himmelschreiende Ungerechtigkeit.
Er hat sie getröstet, wenn Sie nur noch weinen konnten, verlassen und verzweifelt, weil der Kummer und die Sorgen zu groß waren und Sie niederdrückten und zerquetschten.
Wenn Sie verzweifelt waren und allein und von aller Welt verlassen – er war für Sie da.

Er hat Sie gefeiert, wenn Sie müde und zerstört nach Hause kamen, verschwitzt und stinkend und gerädert, die Haare nur noch ein wirres Durcheinander in bester Albert-Einstein-Manier und mit Augenringen bis zum Knie.
Er hat Sie bestärkt, wenn Sie wichtige Entscheidungen treffen und den schwierigen Gedankengang zu Ende bringen mussten, ohne Ihnen ein einziges Mal ins Wort zu fallen mit einem nutzlosen, überflüssigen und völlig deplatzierten Kommentar.
Er hat Sie bejubelt, wenn Sie singend und tanzend durch die Wohnung gehüpft sind und er die ganze Nacht nicht schlafen konnte, weil Sie feiern mussten und jauchzen und jubilieren vor Glück und Erleichterung, vor Hochgefühl und Freude. Kein Kater konnte ihn abhalten.
Wenn Sie ihn brauchten – er war für Sie da.

Er hat auf dem Sofa neben Ihnen gelegen, wenn Sie den „Abend zuhause“ ausgerufen haben, weil Sie sich einmal wieder die peinlichsten Filme aller Zeiten ansehen wollten und sich kein einziges Mal daüber beschwert.
Er hat die langen, kalten Winterabende mit Ihnen vor dem Kamin verbracht und eintönige Gesellschaftsspiele mit Ihnen gespielt, weil Sie lieber im Pyjama am Feuer sitzen wollten, anstatt auszugehen.
Er hat sonntags mit Ihnen ausgeschlafen bis zum Mittagessen und auch noch den Nachmittag mit Ihnen verbracht, faul und träge in der Sonne, ohne Ihnen ein schlechtes Gewissen zu machen, weil Sie diesen herrlichen Tag so nutzlos verbummelten.

Er war schon völlig begeistert, wenn Sie nur Ihre Zeit mit ihm verbringen konnten, und wenn es nur Minuten waren und es war ihm egal, wenn Sie sich wieder einmal verspätet hatten wegen des abartigen Staus auf der Schnellstraße.

Es war ihm egal, wenn Sie das geplante drei Gänge Menü anbrennen ließen, weil der Herd für Sie nun einmal keine dieser lästigen Zwischenstufen besitzt, und es statt Gemüse-Crème-Zimt-Suppe mit Kräuter-Croutons, rosa geschmorten Kalbsmedaillons in Balsamico-Portwein-Sauce an Rosmarinkartoffeln und tourniertem Gemüse und weißem Tiramisu nach Omas Geheimrezept nur labbriges Weißbrot und Würstchen aus der Dose gab. Er hat es heißhungrig hinuntergeschlungen, penetrant einen Nachschlag gefordert und Ihnen das Gefühl gegeben, es wäre das vorzüglichste Mahl seines Lebens gewesen und Sie haben Tränen gelacht, bis Ihnen die Seiten wehtaten.

Was immer er tun konnte – er war für Sie da.
Er hat Ihnen zugehört und Ihre Sorgen geteilt. Ihre Sorgen, niemals voranzukommen im Leben, sich nicht weiter zu entwickeln, nicht geliebt zu werden, nicht perfekt genug zu sein.
Ihre Ängste vor dem Versagen, dem Verlassenwerden, der Einsamkeit und der Zukunft.
Ihre Wut über unfreundliche Kollegen, zu anspruchsvolle Chefs, verräterische Freunde und weinerliche Großeltern.
Ihre Probleme mit Ihrem anstrengenden Beruf, Ihrer einnehmenden Familie, Ihrer verkümmernden Freizeit und Ihrem unausgefüllten Leben.
Ihre Selbstzweifel wegen Ihres Gewichts, Ihrer Figur, Ihres Aussehens und Ihres Alters. Es war ihm egal – für ihn waren Sie der perfekteste Mensch der Welt.

Er hat Ihnen zugehört und Ihre Hoffnungen geteilt. Ihre Hoffnungen auf die Beförderung, ein höheres Gehalt, mehr Zeit für sich und Ihre Liebsten.
Ihre Ambitionen auf mehr Sport, weniger Wein, weniger Schokolade und weniger Fastfood.
Ihre Ansichten zu Religion, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.
Ihre Gedanken über Klimawandel, Genmanipulation, künstliche Intelligenz und Reisen zum Mars.
Ihre Träume auf den Lottogewinn, das Sabbatjahr, die Weltreise und die wahre Liebe.
Ihre verrückten Ideen, den Weihnachtsbaum mit Ostereiern zu schmücken, Ihre Schulunterlagen in einer Blechtonne zu verbrennen und wild kreischend ums Feuer zu tanzen, Freitagabend durch die vollgestopfte Fußgängerzone zu gehen und lauthals Bohemian rhapsody zu schmettern oder im mitternächtlichen Mondschein nackt im See baden zu gehen, obwohl das verboten war.
Er war dabei und nichts konnte ihn abhalten.

Er hat Ihnen zugehört und Ihr Leben geteilt, Ihr Lachen und Ihr Weinen, Ihre Höhen und Ihre Tiefen.
Er hat Sie angesehen und Ihnen seine Aufmerksamkeit geschenkt, seine ganze Aufmerksamkeit, absolut und vollkommen.
Er hat jedes Ihrer Worte gehört und Sie niemals unterbrochen.
Er hat Ihnen das Gefühl gegeben, der wichtigste Mensch in seinem Leben zu sein.

Er war die Wärme, wenn Sie einsam waren.
Er war der Trost, wenn die Trauer zu groß geworden war.
Er war die Treue, wenn alle anderen Sie verlassen hatten.

Er war das Lachen in Ihrem Weinen.
Er war die Liebe in Ihrer Einsamkeit.
Er war Ihr Fels in der Brandung. Der Fels, auf den Sie bauen konnten.

Er hat Ihr Leben geteilt.
Er hat Sie besser gekannt, als irgendjemand sonst.
Er hat Sie geliebt, von ganzem Herzen. Ganz und echt und immer.
Was immer er für Sie tun konnte – er hat es getan.
Er war für Sie da.
Immer.
Ihr ganzes Leben.

Stellen Sie sich vor, Ihr bester Freund wäre gestorben.

Stellen Sie sich vor, er wäre ein Mensch gewesen.

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