In Frieden gehen

Das Gedicht habe ich als Jugendliche für die Todesanzeige meiner Großmutter geschrieben, aber in Gedanken wiederhole ich es bei jedem Todesfall in der Familie. Darum erinnert es mich auch an Tamy.

IMG-20170523-WA0011Wer eine Brücke baut
kann gehen.
Wer einen Weg sieht,
kann gehen.
Wer eine Tür öffnet,
kann gehen.

Doch nur
Wem der Stein gereicht wird,
die Brücke zu bauen,
Wem die Hand gereicht wird,
auf den Weg zu treten,
Wem der Schlüssel gereicht wird,
durch die Tür zu gehen,

Der kann auch in Frieden gehen.

 

Mein erstes eigenes Tier, welches ich einschläfern lassen musste, war mein Zwerghamster.

Im Vorfeld hatte ich mir vor allem Gedanken zu Alternativen gemacht. Gibt es doch eine OP-Möglichkeit? Kann ich für sie mehr Lebenszeit herausholen? Kann ich ihren Käfig so umgestalten, dass sie sich verstecken kann und ausreichend Bewegung hat, ich aber trotzdem Gewicht, Fressverhalten und das Wachstum des Tumors beobachten kann?
Fairerweise muss ich sagen, dass Gedanken auftauchten wie: „Ich will sie nicht einschläfern und ich will nicht die Entscheidung treffen müssen.“

Bevor ich zur Klinik gefahren bin, habe ich mir zwei Wege überlegt: Sollte meine Tierärztin noch eine Möglichkeit „aus dem Hut zaubern“, wird diese durchgeführt; ist dies nicht der Fall – dann wird an dem Tag eingeschläfert.
Wir haben uns kurz darüber unterhalten, welche Möglichkeiten wir außer der Euthanasie haben (keine) und ob es sinnvoll ist, mir Zeit für den Abschied zu geben und Tamy mit starken Schmerzmitteln für etwa eine Woche am Leben zu lassen. Gegen die letztere Möglichkeit habe ich mich entschieden, weil sie immer sehr scheu war und ich mir nicht sicher war, ob sie mir zeigt, wenn die Schmerzmittel nicht mehr ausreichen.

„Ich möchte, dass wir sie heute einschläfern.“
Sozusagen fürs Protokoll.

Was mir sehr geholfen hat, war das Gefühl, dass meine Tierärztin sich in meine Gefühle hineinversetzen kann, meine Trauer ein Stück weit mitträgt. Zum anderen, dass sie aus „meiner Entscheidung“ ein „unsere Entscheidung“ gemacht hat. Für mich war es eine Erleichterung, ein wenig Verantwortung abgeben zu können, indem ich mich mit jemanden besprechen konnte, dem ich vertraue, der Fachkompetenz besitzt, und der aber auch nachvollziehen kann, warum es eine für mich schwere Entscheidung ist.

Ich habe darüber nachgedacht, ob ein anderes Handeln irgendetwas geändert hätte. Da dies nicht der Fall war, war ich dann aber auch mit meiner Entscheidung im Reinen.
Sehr viel schwieriger war es, Gewohnheiten abzulegen: abends auf dem Sofa liegen und „du musst noch füttern“ denken oder im Einzelhandel überlegen, ob sie sich über ein bestimmtes Frischfutter freuen würde… Letztendlich war das auch der ausschlaggebende Grund, aus dem ich recht zeitig nach einem neuen Mitbewohner gesucht habe.

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