Letzte Male sammeln

Wir wussten seit etwa einem halben Jahr, dass dieser Schritt in absehbarer Zeit zu gehen sein wird.

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Ich habe mich ganz bewusst sehr intensiv und meiner Meinung nach offen mit diesem Thema auseinander gesetzt. Zum Beispiel haben wir an Weihnachten in der Familie bereits laut ausgesprochen, dass dies unser letztes Weihnachten mit ihm sein wird. Selbiges zu Ostern, am Geburtstag unseres zweiten Hundes und so weiter. Durch das Sammeln dieser „letzten Male“ ist der Schritt realer geworden und hat – zumindest für mich – ein wenig an Schrecken verloren.

Als es ihm dann immer schlechter ging, wurden die Gespräche in der Familie konkreter und häufiger. Zuletzt habe ich mir überlegt: „Ich rufe den Tierarzt in einer Woche an.“ Um die letzten Tage noch bewusst und intensiv mit ihm zu genießen.

An diesem Wochenende ging es ihm dann allerdings so schlecht, dass ich am Montagmorgen wie ferngesteuert den Tierarzt angerufen und für den selben Tag am Abend den ultimativen Schritt gesetzt habe.

Wie ich den Tag im Büro überstanden habe, weiß ich heute nicht mehr. Meine nervige Arbeitskollegin war Gott sei Dank krank, ihre hämischen Kommentare hätte ich an diesem Tag nicht aushalten können.

Als ich nach Hause kam, wollte mein Hund – er war tagsüber bei meinen Eltern in der „HuTa“ – noch eine Runde durch den Garten gehen. Das wollte er eigentlich nie. Fast schien es, als wollte er Abschied nehmen.

Als der Tierarzt kam, wollte er zur Begrüßung aus seinem Korb aufstehen, aber das ging nicht mehr. Der Tierarzt sah dann auch gleich, dass es die richtige Entscheidung sein würde. Die Morphium-Spritze versetzte ihn in tiefen Schlaf. Wir beide – der Tierarzt und ich – mussten lachen, als er ganz heftig zu Schnarchen begann. Dass ich in diesem Moment lachen musste, war das einzige Szenario, das ich mir niemals ausgemalt hatte…

Nach der Verabreichung des Narkosemittels war es schnell vorbei. Wir zogen ihm noch gemeinsam das Brustgeschirr aus. Der Tierarzt bot mir an, mit mir auf den Tierbestatter zu warten, doch ich lehnte ab. Diese zehn Minuten allein mit meinem Hund waren wichtig für mich. Sein Anblick – friedlich, zufrieden, fast selig – bestätigte mir, dass die Entscheidung richtig gewesen war

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