Kein Zurück

Mein erstes Pony war mein Seelenpferd. Es gibt ein Kinderbuch mit dem Titel „Das erste Pferd vergisst man nicht“ und genau so ist es auch.
IsistuteIch war zu der Zeit im letzten Jahr meiner schulischen Ausbildung.
Dem Tod meiner Ponystute ging die Trennung von meinem damaligen Freund voraus. Ein paar Tage später kam ich morgens zum Stall, um zu füttern. Es stellte sich heraus, dass die Ponys den Zaun eingerissen hatten und auf dem angrenzenden Weidestück das feine Gras zu sich nahmen. Meine Stute kam nicht zum Tor, als ich sie rief. Sie stand einfach auf der Weide und wollte kein Stück gehen. Als ich sie holte, kam sie sehr sehr widerwillig mit. Der Tierarzt musste her. Der griesgrämige Dorftierarzt. Er war immer günstig, so oft hatte ich auch eigentlich keinen Tierarzt gebraucht. Er diagnostizierte eine Kolik und gab ihr eine Infusion. Sie sollte abgetrennt von den Anderen stehen und erstmal nicht fressen.

Kolik, alles klar. Das hatte sie mal vor Jahren an einem anderen Stall. Ich hatte mal gelesen, wenn ein Pferd einmal eine Kolik hatte, wird es immer mal wieder damit Probleme bekommen. Aber die Kolik damals war ja auch schnell wieder „verheilt“.

Ich fuhr den Tag über immer mal wieder zum Stall und es sah auch irgendwie nicht so schlecht aus. Abends beschloss ich, noch einmal hinzufahren. Ein inneres Bedürfnis, nochmal zum Stall zu schauen. Meine beste Freundin wollte mit.

Als ich das große Tor zum Hof öffnete, brabbelte meine Stute schon. Das tat sie immer, wenn ich kam und ich meinte noch zu meiner Freundin, dass das ja wohl ein gutes Zeichen sei. Wir gingen zu ihr in den Offenstall und da stand sie. Aber in meinem Beisein hatte ich das Gefühl, dass ihr Zustand immer schlimmer wurde. Sie war unruhig. Und verschwitzt.
Ich rief erneut den griesgrämigen Tierarzt an. Seine Frau meinte, dass sie gerade auf einer Feier seien und ob es denn wirklich sein müsse. Ich bestätigte dies und er wollte sich dann auf den Weg machen.

Als ich das Telefonat beendete, war es nur ein kurzer Moment. Ich ging zu meiner Stute und diese fiel um.
Ich nahm ihren Kopf in den Schoß und weinte. Die Stute hörte dann nach kurzer Zeit auf zu atmen.

Ich rief dann wütend-verheult den Tierarzt an, dass er sich nun seinen Weg sparen könne, weil es zu spät ist. Er entgegnete kühl: „…hätte man ja heute morgen schon gesehen…“ – ich kann den Wortlaut gar nicht mehr erinnern, aber es tat nochmals weh und ich hatte das Gefühl, dass er mir etwas vorenthielt.

Ich brachte dann meine beste Freundin nach Hause und im Auto lief das Lied „Kein Zurück“ von Wolfsheim. Ich saß wieder nur da und weinte.

Am nächsten Tag musste ich bei der Tierkörperbeseitigung anrufen. Unser Nachbar kam mit seinem Trecker, um den Leichnam aus dem Offenstall an den Zaun zu ziehen, damit der LKW ihn aufladen konnte. Ich deckte sie dann mit einer Plane ab. Als der Termin stand, bat ich meinen Vater, dass er dies bitte für mich machen könne, weil ich es nicht könne. Mein Vater meinte dann, dass ich es selbst machen müsse, schließlich sei es auch mein Pony. Uff. Nächster Schlag.
Als der LKW dann kam, stand ich da. Allein. Ich zog die Plane vom Leichnam und der große Greifarm nahm den leblosen Körper auf. Ich konnte nicht wegsehen. Ich musste es sehen. Das war’s nun also.
Der Fahrer gab mir den Abholungsschein und meinte, dass es ganz schön blöd für ihn gewesen sei, den schmalen Waldweg hochzufahren. Ich entgegnete trocken, dass ich mir auch gewünscht hätte, dass er nicht hätte kommen müsse.

Ich habe wirklich lange getrauert. Ich habe viele Sachen zur Bewältigung gemacht. Ich habe eine Art „Schrein“ gebaut, in dem sich Papiere, eine Schweifsträhne und Fotos befinden. Es gibt online einen Pferdefriedhof. Hier habe ich auch „inseriert“. Das Pony im Garten zu vergraben, war keine Option. Eine Einäscherung kam nie in Frage. Das hätte ich nicht bezahlen können. Außerdem stand fest, dass ich nie wieder etwas mit Pferden zu tun haben möchte. Einfach, weil ich Angst vor diesem Schmerz habe. Die erste Zeit habe ich viel von meiner Ponystute geträumt. Es waren schöne Träume – wir ritten über Felder, gingen spazieren. Als ich wach wurde, war der Schmerz wieder groß. Vor ein paar Jahren hatte ich den letzten Traum mit ihr. Ich konnte sehr lange die Fotos nicht ansehen, weil ich sofort wieder anfing zu weinen.

Ich habe oft über das alles nachgedacht. Ich habe oft überlegt, ob sie auf mich gewartet hat. Ich habe auch überlegt, warum ich abends nochmal zum Stall wollte. Wenn ich nicht gefahren wäre, was wäre dann passiert? Hätte ich sie am nächsten Tag tot aufgefunden? Ich hätte mir dann wahrscheinlich ewig Vorwürfe gemacht. Nein. Es war gut so. Auch wenn nichts gut war.

Im Nachhinein bin ich meinem Vater auch dankbar dafür, dass ich den Abtransport miterleben musste. Ich verstand später, dass er selbst mit der Situation überfordert war. Es war aber für mich so ein physischer Abschied. Sie wurde abgeholt – für immer.

Der Umstand, wie es zu dem Tod kam, war schrecklich. Sie war 24 und dafür topfit. Ich fuhr mit ihr Kutsche und ritt aus. Sie hätte locker noch 30 werden können – wenn eben der Zaun nicht kaputt gegangen wäre. Ich habe sie damals bekommen, als ich 15 war. Also in der „schwierigen“ Phase. Und ich glaube, dass mir dieses Pony geholfen hat, diese schwierige Phase gut zu überstehen. Ich habe so viel Kram mit ihr gemacht – Dinge, die viele Menschen vielleicht nicht glauben würden. Aber es war immer schön.

Ich würde mir wünschen, dass ich meine Ponystute (und auch andere Verstorbene) im Jenseits wiedertreffen werde. Vielleicht können dann dort die Träume weitergeführt werden….

Seit 2011 bin ich nun doch wieder „Ponymama“, mittlerweile sogar dreifach. Ich musste feststellen, dass ein Leben ohne Pferde möglich ist – aber auch sinnlos.

Advertisements